Michael Kiefer

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Durch die Flucht aus Kriegsgebieten erreichen die globalen Wanderungsprozesse aktuell eine neue Dimension. Tausende Einzelpersonen und Familien versuchen, nach Europa und insbesondere nach Deutschland zu flüchten. „Die massenhafte Einwanderung stellt für die sozialen Systeme von der Vorschule bis zur Altenhilfe eine besondere Herausforderung dar“, warnen Rauf Ceylan und Michael Kiefer. Denn die meisten Migranten hätten muslimischen Hintergrund, wodurch die traditionellen Hilfsorganisationen von Caritas und Diakonie bis hin zur Arbeiterwohlfahrt (AWO) und dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) nur bedingt helfen könnten. Um eine kultursensible Hilfestellung anbieten zu können, fordern die beiden Religionssoziologen muslimische Strukturen in der Wohlfahrt. Denn selbst unabhängig von den aktuellen Entwicklungen werde die Zielgruppe bei über vier Millionen Muslimen in Deutschland vor dem Hintergrund des demografischen Wandels immer größer. Mit ihrem gerade bei Springer VS erschienenen Buch Muslimische Wohlfahrtspflege in Deutschland leisten die beiden Autoren sozialwissenschaftliche Pionierarbeit, indem sie erstmals Wege zur Gründung und Etablierung von muslimischen Wohlfahrtsverbänden aufzeigen.

 

„Bei der Zahl der Akteure, die in der Wohlfahrtsliga das Feld beherrschen, hat es seit gut einem halben Jahrhundert keine Veränderungen ergeben“, kritisieren Ceylan und Kiefer. Neben den großen kirchennahen Organisationen Diakonie und Caritas gebe es die AWO, den Paritätischen Wohlfahrtsverband, das DRK und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden. Die Muslime Deutschlands aber seien – trotz langjähriger Präsenz – bislang mit keinem Verband in der Riege der freien Wohlfahrtspflege vertreten. Dabei seien die Bedingungen für den Aufbau einer islamischen Wohlfahrtspflege derzeit günstig, so die Autoren weiter: „Zwischenzeitlich hat das Thema auch die Islamkonferenz erreicht – in mehreren Sitzungen wurden in den letzten zwei Jahren Fragen der Wohlfahrtspflege nach Teilbereichen ausführlich mit muslimischen Verbandsvertretern und Experten aus dem Kontext der etablierten Wohlfahrtsverbände erörtert.“ Darüber hinaus werde die Thematik bei den islamischen Verbänden intern diskutiert, und im Dezember 2014 wurde eine gemeinsame Arbeitsgemeinschaft gegründet, die das weitere Vorgehen auf der Verbändeebene koordinieren soll.

 

In diesem Kontext legt das Buch als erste Publikation zum Thema einen umfassenden, theoretischen Überblick und praktische Hinweise für die Arbeit im weiten Feld der Wohlfahrtspflege vor. Neben der Skizzierung der freien Wohlfahrtsarbeit in Deutschland, ihrer Geschichte sowie juristischen Bestimmungen, Aufgaben und Handlungsfeldern stellen Ceylan und Kiefer aktuelle Fragen und Herausforderungen für die Wohlfahrtspflege infolge von Pluralisierungs- und Heterogenisierungsprozessen in der Gesellschaft dar. Für die Gründung von muslimischen Hilfsorganisationen, die es in diese Strukturen einzufügen gilt, werden konkrete Herausforderungen für die muslimischen Akteuren identifiziert und erörtert: „In diesem Zusammenhang prüfen wir zum Beispiel die Frage einer Professionalisierung der Gemeindearbeit samt ihrer Strukturen kritisch.“ Dir Autoren legen zu diesen zentralen Herausforderungen nicht nur Analysen vor, sondern verweisen auch auf mögliche Finanzierungsquellen. Abschließend werden Handlungsoptionen bezüglich der konkreten Umsetzung der Verbandsarbeit und Best Practice-Beispiele als Leuchtturmprojekte dargestellt.

 

Dr. rer. soc. Dr. phil. Rauf Ceylan ist Professor für gegenwartsbezogene Islamforschung am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück.

Dr. phil. Michael Kiefer ist derzeit Postdoc am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück und Projektleiter bei einem Jugendhilfeträger in Düsseldorf.

Rauf Ceylan | Michael Kiefer
Muslimische Wohlfahrtspflege in Deutschland
Eine historische und systematische Einführung
2016, 174 S.
Softcover € 24,99 (D) | € 25,69 (A) | sFr 26.00 (CH)
ISBN 978-3-658-10582-2
Auch als eBook verfügbar

 

 

 

 

 

 

 

 

Neo-salafistische Gruppierungen haben in den letzten beiden Jahren das Bild der Deutschen von den 4,2 Millionen in der Bundesrepublik lebenden Muslimen negativ beeinflusst. Mit ihren medienwirksamen Missionierungsaktivitäten haben die Anhänger dieser fundamentalistischen Strömung den Anteil von integrations- und sicherheitspolitischen Aspekten der Islam-Debatte, die seit den Anschlägen vom 11. September 2011 im Vordergrund stehen, weiter erhöht. Ihre vereinfachten radikal-religiösen Botschaften schüren die Angst der Bevölkerung, in der das Wissen über die Hintergründe fehlt. Die beiden Islamwissenschaftler Rauf Ceylan und Michael Kiefer leisten jetzt mit ihrem gerade bei Springer VS erschienenen Fachbuch "Salafismus" Aufklärungsarbeit und zeigen Präventionsmaßnahmen im europäischen Vergleich auf.
 
Derzeit wird der islamische Religionsunterricht in mehreren deutschen Bundesländern in Form von Schulversuchen erprobt, bevor er in den nächsten Jahren bundesweit flächendeckend eingeführt werden soll. Während die öffentliche Meinung gespalten ist, sehen die beiden Autoren Ceylan und Kiefer darin die Chance für neue Ansätze, um der Radikalisierung Einhalt zu gebieten. Der Bedarf sei gegeben, denn im Vergleich zu anderen europäischen Staaten fehlten Konzepte und Erfahrungen mit Präventionsmaßnahmen, so die Wissenschaftler. Die wichtigste Voraussetzung sei dabei, die salafistische Bewegung aus dem Gesamtzusammenhang von historischen Wurzeln und politisch-theologischen Ideologien zu begreifen: "Denn erst durch die Einbettung dieses Phänomens in historische, theologische sowie soziopolitische Kontexte ist der Salafismus mit all seinen Facetten besser zu verstehen."
 
Die Radikalisierung ist dabei kein ausschließliches Problem des Islams. Denn in allen Weltreligionen ist seit einiger Zeit eine erhebliche Zunahme fundamentalistischer Strömungen festzustellen. Der Salafismus zeichne sich dabei in erster Linie durch seine dynamische Entwicklung und die multiethnische Zusammensetzung seiner Mitglieder aus. "Besonders auf junge Menschen aller Herkünfte und Religionen übt er eine große Faszination aus, weil diese Strömung es anscheinend versteht, den Jugendlichen Identifikationskonzepte anzubieten, welche weder die hiesige Gesellschaft noch die muslimischen Gemeinden im Sozialisations- und Integrationsprozess zu schaffen vermögen" erklärt Rauf Ceylan. Erste Anzeichen für die Radikalisierung junger Menschen sind laut Michael Kiefer die plötzliche Annahme eines sehr rigiden religiösen Lebensstil, die Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes, die Verlautbarung religiös-politischer Parolen sowie die radikale Kritik am - nach ihrer Ansicht - areligiösen Lebensstil von Familienmitgliedern und Freunden.
 
Obwohl die Salafisten eine Randgruppierung von einigen Tausend Mitgliedern in der Bundesrepublik sind, gelingt es ihnen durch groß angelegte Kampagnen wie zum Beispiel der Verteilung kostenloser Koran-Exemplare, Demonstrationen und Selbstinszenierungen mit deutschsprachigen Predigern immer wieder, die Aufmerksamkeit der Medien und der Politik auf sich zu ziehen. So beeinflussen sie tagespolitische Entwicklungen und dominieren die Berichterstattung in den Medien. Um dem Einfluss der Gruppierung entgegenzuwirken, fordern die beiden Experten Rauf Ceylan und Michael Kiefer die Zusammenarbeit von Staat und zivilgesellschaftlichen Akteuren: muslimische Gemeinden, die Kinder- und Jugendhilfe, die Politische Bildung sowie Schule und Universität. In ihrem Fachbuch geben sie jetzt klare Handlungsanweisungen für den deutschen Kontext.
 
Dr. rer. soc. Rauf Ceylan ist Professor für gegenwartsbezogene Islamforschung am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück.
 
Dr. phil. Michael Kiefer ist derzeit Postdoc am Zentrum für Interkulturelle Islamstudien an der Universität Osnabrück und Leiter des Dialoggruppenprojekts "Ibrahim trifft Abraham" in Düsseldorf.
 
  • Taschenbuch: 180 Seiten
  • Verlag: Springer VS; Auflage: 2013 (6. September 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3658000902
  • ISBN-13: 978-3658000905